„Olympiade ist kein Allheilmittel!“

Sylvia Schenk referierte vor 100 Gästen einer LFH-Veranstaltung

Im Rahmen einer vom Leichtathletik-Förderverein Hessen (LFH) in den Räumlichkeiten des Landessportbundes Hessen veranstalteten Vortrags- und Talkrunde referierte Sylvia Schenk (hier mit Talkmaster Walter Mirwald) über Chancen und Schwierigkeiten einer deutschen Olympia-Bewerbung. Foto: Moni Pfaff

Frankfurt, 11.11.2025. Gleich zu Beginn der vom Leichtathletik-Förderverein Hessen (LFH) in den Räumlichkeiten des Landessportbundes Hessen stattgefundenen Veranstaltung „Olympiabewerbung: Chance für Deutschland in schwierigen Zeiten“, stellte die ehemalige Frankfurter Sportdezernentin, Ex-Richterin am Arbeitsgericht, Ex-Präsidentin des Radsportverbandes „Bund Deutscher Radfahrer“ und Ex Mitglied des Vorstandes „Transparency International Deutschland (2006-2013) klar: „Es gibt nichts Tolleres im eigenen Land.“ Aber, so Schenk: „Dafür sein ist nicht Alles“ und Olympia sei auch kein „Allheilmittel“. Dabei zielte SPD-Mitglied Schenk, die im Olympia-Jahr 1972 als amtierende Deutsche 800-Meter-Meisterin an den Start gegangen ist, natürlich auf das Olympia-Event in München ab.

„Das waren andere Typen“

Und genau in München gab es vor kurzem einem deutlichen Bürgerentscheid für eine Olympia-Bewerbung der bayerischen Landeshauptstadt. Schenk bekannte ehrlich, dass Olympische Spiele kein „Allheilmittel“ seien. „Das kuschelige, westdeutsche München 1972 ist vorbei!“, stellte sie klar. Damals (ein Jahr vor der Ölkrise! Anmk, der Redaktion) herrschte Wirtschaftswunder und gesellschaftlicher Aufbruch. Außerdem hätten damals Willi Daume (Präsident Deutscher Sportbund 1950 – 1950), Hans-Jochen Vogel (Oberbürgermeister München) und Ex-Bundeskanzler Willy Brandt die Olympia-Bewerbung maßgeblich mitbestimmt. „Das waren andere Typen mit anderen Inhalten“, kritisierte Schenk damit ganz offensichtlich aktuell fehlende Persönlichkeiten in Politik und Sportfunktion.

„München macht einen Fehler“

München mache aktuell zudem den Fehler, das Attentat von 1972 öffentlich kaum mehr zu erwähnen. Ebenso erinnerte Schenk mit den Worten „Wir können der Geschichte nicht davonlaufen“, an die vom Nationalsozialismus geprägte Olympiade 1936 in der sich ebenfalls wieder um Olympische Spiele bewerbenden deutschen Hauptstadt Berlin. Dort sollen zudem die Bürger nicht befragt werden.

„Es braucht einen langen Atem“

So eine Olympia-Bewerbung sei kein Marathon- sondern ein 100-Kiliometerlauf, für den man „einen ganz, ganz langen Atem“ benötige, und den mehrfach vom DOSB geänderten Auswahlprozess könne sie auch nicht befürworten. „Wie sich der DOSB und dessen Präsident Thomas Weikert aktuell als neutraler Schiedsrichter verhält, ist ein Witz. Ich erwarte mehr vom DOSB, ich erwarte Führung“, kritisierte Schenk den Deutschen Olympischen Sportbund. Dabei zielt sie auf die DOSB-Mitgliederversammlung im Herbst 2026 ab, wo entweder eine Vorauswahl getroffen werden soll oder offen abgestimmt werden soll/darf.

„Ich erwarte mehr vom DOSB als neutraler Schiedsrichter zu sein. Ich erwarte Führung.“ Foto: Moni Pfaff

Die Konkurrenz ist stark

Schenk berichtete zudem von ihrer Teilnahme bei der Sitzung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Lausanne, wo eine neu installierte „Kommission für zukünftige Gastgeber Olympischer Spiele“ einen neuen Prozess ins Leben über die zukünftige Vergabe von Olympischen Spielen rufen möchte. Dies wiederum würde deutsche Bewerbung „nicht leichter machen“, auch weil aktuell bereits bis zu zehn Städte in einem „Continuous Dialogue mit dem IOC“ stehen und deshalb weiter als die deutschen Bewerber-Städte bzw. Regionen seien. Europäische Konkurrenz sei neben Budapest insbesondere Istanbul, dass sich offenbar wirkungsvoll als „Brückenbauer zum asiatischen Kontinent“ präsentiere. Deshalb sei es ein Fehler bei der Bewerbung „nur Deutsch zu denken“.

Ist erst das Jahr 2044 eine Option?

Die weltweit reisende Sylvia Schenk geht zudem fest davon aus, dass Deutschland frühestens im Jahr 2044 eine realistische Chance als Austragungsland für eine Olympiade erhalten wird. Nachdem Los Angeles 2028 und Brisbane 2032 bereits feststehen, wird nach Schenks Ansicht bereits Katar 2036 den Zuschlag erhalten. Schenk lobte dabei die Rede von Emir Tamim bin Hamad Al Thani bei der 80.UN-Vollversammlung in New York, bei der er seine Vermittlerrolle bei weltweit bedeutsamen politischen Konflikten mit der Olympia-Bewerbung in Zusammenhang brachte. „Wer hat international mehr für den Frieden getan – Deutschland oder Katar?“, fragte die im Human Rights Advisory Board des IOC aktive Schenk provokativ, was bei einzelnen Gästen kurzzeitig für Erstaunen sorgte.

Bekommt 2040 Afrika den Vorzug?

Für das 2040 sieht Sylvia Schenk wiederum Afrika in der Pole-Position, nicht zuletzt, weil die neue IOC-Präsidentin Kirsty Coventry aus Simbabwe den Auswahlprozess zunächst gestoppt hat und völlig neu aufstellen will. Dazu präsentierte Schenk einen von ihr als sehr positiv bewerteten Werbeclip junger afrikanischer Sportlerinnen und Sportler aus dem Senegal. Gesamt-Europa hätte ihrer Meinung frühestens im Jahr 2044 wieder eine realistische Chance auf die dafür wahrscheinlich zwischen 2033 und 2037 vergebenen Olympische Spiele.

Klimawandel – Resilienz – Demographie

Vorgetragen wurden an diesem Gesprächsabend zudem gesellschafs-politische und demographische Herausforderungen. Wir sollten dabei unsere Begeisterung auf eine realistische Grundlage stellen. Sie erwähnte das Problem Klimawandel, was es 2040 vielleicht nicht mehr möglich mache, im denkmalgeschützten Münchener Olympiastadion Leichtathletik-Wettkämpfe durchzuführen, zudem eine deutsche Bevölkerung, bei der ein Drittel älter als 65 Jahre alt ist, den hohen finanziellen Aufwand für notwendige resiliente neue Infrastruktur und stellte mehrfach in Frage, ob man die Begeisterung für olympische Spielen die nächsten fast 20 Jahre aufrechterhalten könne. Und dennoch bewertet die ehemalige Frankfurter Sportdezernentin Olympische Spiele in Deutschland am Ende als eine „Riesen-Chance“.

Zweifel an der Sportbasis

Im zu Beginn der Veranstaltung bei einer Kurzabstimmung zu 99% pro Olympia eigenstellten Publikum, regten sich nach Schenks Vortrag dann doch einige Zweifel. Ein Lehrer und Trainer aus dem Hochtaunuskreis wies daraufhin, dass sein aktuelles Problem ein einziger Sportplatz für alle Sportlerinnen und Sportler in seiner Region sei und er sich nicht vorstellen könne bei jungen sportbegeisterten Menschen dauerhaftes Olympia-Interesse zu wecken und aufrecht zu erhalten, wenn irgendwann in der Münchner Region Geld zur Verfügung gestellt würde, aber zeitgleich vor Ort an der Basis nicht zeitnahe Investitionen die Probleme lösen.

Auch die SJF-Vorsitzende Petra Preßler wies daraufhin, dass gewährleistet sein müsse, den „vorhandenen Jugendlichen“ eine probate Sportinfrastruktur zur Verfügung zu stellen. Sie kritisierte, dass die (potenziellen) Nutzerinnen und Nutzer bei derartigen Entscheidungen „nie mit ins Boot geholt“ würden. Deshalb sei Sie zwar für eine deutsche Olympia-Bewerbung, aber nur dann, wenn vorab die Voraussetzungen dafür auf breiter Ebene geschaffen werden. jogo