Interview mit Mirko Korder, dem Schirmherrn der Championade 2026
Frankfurt (4.Juni 2026). Wer ist Mirko Korder, der Schirmherr unserer Championade 2026, die am 17. Juni 2026 (15 bis 18 Uhr) in der Fabriksporthalle Fechenheim stattfindet? Defacto ist er alleiniger Geschäftsführer der erfolgreichen Rollstuhl-Basketballmannschaft „Rine-River Rhinos“, freier Unternehmer und Co-Geschäftsführer der Potenzial Pioniere sowie des Inklusionsfit-Institutes. Im Alter von 6 Jahren verlor er seinen Vater, 6 Jahre später auch seine Mutter und muss seit nach einem Starkstromunfall seit seinem 13. Lebensjahr ohne Beine und einen Arm leben. Trotzdem, oder gerade wegen seines persönlichen Schicksals ist er ein zufriedener Mensch, denn – wie er sagt – „Behinderung ist kein Hindernis für ein erfülltes Leben“.
Warum er so fühlt und anderen Menschen Mut machen will, erklärt er im nachstehenden exklusiven Interview mit dem SJF-Journal der Sportjugend Frankfurt.
SJF-Journal: Mirko, was hat Dich bewogen, als Schirmherr der Championade 2026 zur Verfügung zu stehen?
Korder: „Ich wurde von Deiner Kollegin Dany (Dany Kupczik) kontaktiert. Sie hat mir erklärt für welche Werte die Championade steht und das hat gematched. Für mich hat Sport im Leben immer eine große Bedeutung gehabt. Sport war die Spielwiese, die mir die Möglichkeit und die Kraft gegeben hat, um Dinge zu kompensieren, die ich ohne Sport nicht hatte.“
SJF-Journal: Auf der Website Deiner „Rhine River Rhinos“ steht der Satz: „uns vereint der Wille die Welt ein klein wenig inklusiver und barrierefreier zu machen“. Die Rhinos sind aktuell ein Topteam in Deutschland und Europa. Spielt dieser Satz auch während des Spiels im Kopf mit oder seid Ihr da nicht einfach auch nur ganz normale Sportler?
Korder: „Erstmal geht es natürlich um den Sport. Der besitzt für sich genommen einen ganz großen Stellenwert. Aber es geht auch darum, mitten in der Stadtgesellschaft immer wieder regelmäßig zu zeigen, dass Menschen mit Behinderung auch Leistungsträger sein können. Also Facetten aufzuzeigen, die in der Gesellschaft sonst nicht so sichtbar ist.“
SJF-Journal: Was sollte Deiner Meinung nach in der Gesellschaft in Bezug auf behinderte Menschen generell sichtbarer werden?
Korder: „Das Bild über behinderte Menschen sollte etwas geradegerückt werden. Natürlich ist ein Leben für Menschen, die gerade erkrankt oder verunfallt sind schwierig, weil sie mit ihrer neuen Situation zurechtkommen müssen. Das ist sicher erstmal nicht einfach. Aber es gibt für sehr viele Menschen auch ein Leben, das ganz normal stattfinden kann. Man sollte nie pauschalisieren.“
SJF-Journal: Darüber sollten die Medien Deiner Meinung also objektiver bzw. facettenreicher berichten?
Korder: „Wir hatten ja immer wieder Besuche von Medien. Und immer wieder wurde nach schwierigen Facetten und Problemen gefragt und wo der Haken ist. Es gibt leider zu viele Medienberichte über Schwierigkeiten, die Behinderungen im Alltag und über Barrieren. Aber kaum welche über die Leichtigkeit und Freude, wie man sie zum Beispiel bei unseren Spielen im Rhino Dome live erleben kann. Bei uns wird lebendige Vielfalt gelebt.“
SJF-Journal: Diese von Dir beschriebene Vielfalt wird auch dadurch belegt, dass im Team der „Rhinos“ Frauen und Männer sowie behinderte und nicht behinderte Menschen gemeinsam spielen und das sehr erfolgreich. Ihr spielt als Spitzenteam in der Bundesliga und habt 2025 den Europapokal 2 gewonnen.
Korder: „Genau das macht unseren Sport so besonders. In nationalen Wettbewerben spielen bei uns Frauen und Männer, Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam in einem Team – und das auf höchstem Niveau. International ist das anders, dort braucht man eine Mindestbehinderung, um spielberechtigt zu sein. Da alle im Sportrollstuhl sitzen und mit Gurten fixiert sind, verschwinden viele vermeintliche Unterschiede: Ein Nichtbehinderter hat gegenüber jemandem mit einer Behinderung am Fuß keinen Vorteil mehr, und wo es doch körperliche Unterschiede gibt, gleicht das Klassifizierungssystem sie aus. Auf dem Feld zählt nur noch, wer besser spielt. In diesen Momenten tritt die Behinderung komplett in den Hintergrund – und genau deshalb ist der Sport ein so wichtiges, belebendes Element für Inklusion.“
SJF-Journal: Was wünscht Du Dir von Sportvereinen im Umgang mit Inklusion. Sollte es generell mehr Vereinsangebote für Menschen mit Behinderungen bzw. gemeinsame wie bei Euch im Basketball geben?
Korder: „Das Problem ist, dass es rund um Behinderungen ganz viele Mythen und Ängste gibt. Man hat Angst etwas falsch zu machen und sortiert alles, was man noch nicht kennt, erst einmal in Schubladen. Darin sind dann einige Fakten aber auch viel Theorie, versicherungstechnische Ängste, Mangel an Mitarbeitenden und diverse Gründe, warum man es nicht machen kann. Da wünsche ich mir mehr Ergebnisoffenheit und mehr individuelle Betrachtung der Einzelschicksale.“
SJF-Journal: Konkret nachgefragt: Was würdest Du als Sportvereinsfunktionär im Breitensport ad hoc anbieten?
Korder: „Erst einmal eine unvoreingenommene Haltung gegenüber Menschen mit Behinderung und den Mut sich Dingen gegenüber einfach mal zu öffnen und diese auszuprobieren.“
SJF-Journal: Als Funktionär der Potenzial Pioniere seid ihr grundsätzlich gegen Zwang. Also sind für Dich politisch vorgeschriebene Quoten oder Rechte für Menschen mit Behinderungen in Sportvereinen keine Option?
Korder: „Ich sehe das etwas differenziert. Ich will für meinen Teil in einer solidarischen Gesellschaft leben, in der man bestmöglich versucht, sich gegenseitig zu unterstützen und zu stärken. Alles, was also von öffentlichen Geldern organisiert und finanziert wird, sollte als Vorbild fungieren und tatsächlich auch an geeigneter Stelle Pflicht agieren. Aber im privaten Sektor glaube ich nicht an Zwang und Druck. Wir sollten niemanden überfordern und im Übrigen haben auch Menschen mit Behinderung Verantwortung. Wenn sie irgendwo Rollstuhl-Basketball spielen oder eine andere Sportart betreiben wollen, können sie das auch selbst in die Hände nehmen, sich organisieren, um ihr Ziel zu erreichen. Entweder als Gruppe in einem bestehenden Verein oder wenn das nicht funktioniert, eben selbst einen Verein gründen. Man kann nicht erwarten, dass die Gesellschaft immer jegliche Bedürfnisse auf dem Schirm hat.“
SJF-Journal: Das klingt sehr ehrlich und vielleicht sogar etwas provokativ.
Korder: „Provokativ würde ich es nicht nennen – ehrlich trifft es besser. Mein Antrieb ist, immer ehrlich und authentisch zu sein – auch wenn das an manchen Stellen Reibung erzeugt. Ein Beispiel: Um Veranstaltungen eine inklusive Facette zu geben, werden Menschen mit Behinderungen oft allein der Vielfalt wegen auf die Bühne gestellt – auch wenn sie von ihren Fähigkeiten her dort nichts verloren haben. Eine Behinderung qualifiziert eben nicht automatisch dazu, ein guter Musiker zu sein. Das Ergebnis ist höflicher Applaus, aber im Kern schadet es dem Ziel einer inklusiven Gesellschaft mehr, als es nützt. Genau solche Dinge spreche ich an. Bei den Potenzial Pionieren werben wir deshalb für echte Teilhabe statt Symbolpolitik: Menschen sollen auf der Bühne stehen, weil sie etwas können – nicht, weil sie eine Behinderung haben.“
SJF-Journal: Auf der Website der Potenzial-Pioniere melden sich verschiedene junge Menschen in kurzen Tonschnitten zu Wort und beschreiben ihre Vita mit sehr klaren und emotional berührenden Worten. Was sollen diese Messages bewirken?
Korder: „Nach meinem Unfall dachte ich fast ein Jahr lang, mein Leben sei vorbei und ich würde nie wieder glücklich werden – egal, wie sehr Ärzte oder Therapeuten versucht haben, mir Hoffnung zu machen. Ich hatte schließlich nur noch einen Arm. Was wollten die mir also erzählen? In der Reha bin ich dann auf andere Menschen im Rollstuhl getroffen – und das hat meine Einstellung komplett verändert. Plötzlich hatte ich Vorbilder, und damit gab es keine Ausreden mehr. Heute führe ich ein erfülltes, glückliches Leben. Genau in diesem Kontext ist unsere Arbeit bei den Potenzial Pionieren zu sehen: Wir wollen für andere das sein, was diese Menschen damals für mich waren. Solche Plattformen kann es gar nicht genug geben.“
SJF-Journal: Worauf freust Du Dich mit Blick auf die Championade?
Korder: „Für mich ist es immer schön bei Veranstaltungen zu sein, bei denen der Sport verbindet. Sport war für mich stets extrem wertvoll und ich habe in meinem Leben durch Sport immer sehr viel geschenkt und Unterstützungen bekommen. Ich freue mich besonders viele junge Menschen zu sehen, die ja bei der Championade die Hauptgruppe sind. Es freut mich generell, dass es solche Veranstaltungen gibt. Du kannst so viele Theorien haben. Aber sich einfach mal treffen, um sich auszutauschen und zusammen Spaß haben ändert Alles. Der Sport verbindet.“
SJF-Journal: Und auf was dürfen sich die an der Championade teilnehmenden Menschen in Bezug auf Dich freuen? Du bist ja sehr bekannt und für viele durchaus ein Vorbild.
Korder: „Ich bin kein VIP, ich bin so wie ich bin. Ich werde keine Rolle spielen. Ich bin super gerne dort und ansprechbar für Jedermann. Ich freue mich, wenn jemand das Gespräch mit mir sucht.“
SJF-Journal: Danke Mirko für dieses sehr informative und offene Gespräch.
Das Interview führte Jochen Golle
Mehr über die Vita von Mirko Korder erfahren Sie unter nachfolgenden Links:
www.potenzial-pioniere.de
https://inklusionsfit.de/ueber-uns/
https://www.rhine-river-rhinos.de/